Ist legal weniger gefährlich als illegal?
Alkohol ist legal. Heroin nicht. Tabak gibt’s an jeder Ecke. MDMA nicht. Cannabis darfst du besitzen. Koks nicht. Xanax gibt’s auf Rezept. Mephe nicht. Also ist Wodka safer als Smack? Kippen harmloser als Emma? Und Xanax gesünder als Mephe. Klingt logisch, ist Bullshit.
Dass Alkohol bei uns Kulturgut mit eigenem Regal im Supermarkt ist, macht ihn nicht gesünder – und Legalität ist kein medizinisches Gütesiegel. Ob dein Stoff hinter der Kasse steht oder du dafür drei Telegram-Gruppen tief diven musst, sagt lowkey nichts darüber aus, wie hart er dich zerlegen kann.
Eine bekannte Studie aus Großbritannien hat 20 Drogen danach bewertet, wie viel Schaden sie für Konsumierende und andere verursachen. Auf Platz eins? Nicht Heroin. Nicht Crack. Sondern Alkohol. Mit 72 von 100 Punkten lag der legale Klassiker vor Heroin mit 55 und Crack mit 54.
Bevor ihr jetzt anfangt, Tiktoks mit Ragebait-Headline „Alkohol gefährlicher als Heroin“ zu posten, kurz aufpassen: So funktioniert die Studie nicht. Bewertet wurden 16 verschiedene Arten von Konsumfolgen – von Abhängigkeit und körperlichen Folgen bis zu Unfällen, Kriminalität, familiärer Belastung und wirtschaftlichen Kosten. Alkohol landet vor allem deshalb ganz oben, weil er extrem verbreitet ist und nicht nur die Konsumierenden selbst trifft, sondern alle um sie herum.
Und in Deutschland? Rund 44.000 Todesfälle pro Jahr werden Alkohol zugeschrieben. Bei Tabak sind es je nach Schätzung sogar rund 131.000. Zum Vergleich: 2024 wurden in Deutschland 2137 Todesfälle im Zusammenhang mit illegalen Drogen registriert.
Alkohol kann unter anderem die Leber und die Bauchspeicheldrüse schädigen. Außerdem: das Krebsrisiko erhöhen. Tabakrauch enthält zahlreiche giftige Stoffe und steigert unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Legal? Ja. Harmlos? Nicht.
Und: Abhängig werden kannst du so oder so. Heroin und Kokain haben ein hohes Abhängigkeitspotenzial – aber direkt daneben stehen Substanzen, die völlig legal erhältlich sein können: Nikotin, Alkohol oder verschreibungspflichtige Benzodiazepine. Ob dein Stoff aus der Apotheke, vom Späti oder vom Dealer kommt, entscheidet nicht darüber, ob du davon süchtig werden kannst. Das geht viel tiefer in deine Psyche. Mehr dazu gibt’s in unserer Folge High on FAQTs darüber, warum wir überhaupt konsumieren.
Generell gilt: Regelmäßiger Konsum kann dein Hirn verändern. Es kann sich an eine Substanz gewöhnen, Toleranz kann entstehen und damit auch das Bedürfnis nach mehr, mehr, mehr – und das um denselben Effekt zu kriegen. Ob das passiert und wie schnell, hängt von Substanz, Konsummuster und dir selbst ab. Legal oder illegal ist deinem Nervensystem dabei ziemlich latte.
Aber – und das ist ein fettes Aber: Illegalität bringt ein paar Risiken mit, die der Wodka aus dem Supermarkt nicht hat. Weil: dein Dealer ist halt kein Pharmaunternehmen.
Keine garantierte Reinheit. Keine verlässliche Dosierung. Keine Inhaltsangabe. Kein „Kann Spuren von komplett anderem Scheiß enthalten“ auf der Rückseite. Und manchmal ist nicht mal das drin, was du gekauft hast.
Und dann gibt’s Substanzen, bei denen selbst die Forschung noch Fragezeichen hat. Research Chemicals aka Designer Drugs ploppen schneller auf, als Studien zu Nebenwirkungen und Langzeitfolgen hinterherkommen. Molekül umgebaut, neuen Stoff entwickelt, Datenlage nicht vorhanden – aber das Baggy ist schon im Umlauf.
Heißt: Legal ist nicht automatisch safer. Illegal ist nicht automatisch gefährlicher. Aber fehlende Qualitätskontrolle und unbekannte Inhaltsstoffe können illegalen Konsum zum Gamble mit i-Tüpfelchen machen.
Und legal + legal ergibt übrigens nicht automatisch safe. Alkohol plus Benzos zum Beispiel kann die Atmung so stark dämpfen, dass es bis zum Atemstillstand geht.
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